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Weimarer Land: Wie ich in der "Toskana des Ostens" zum Gemälde-Motiv geworden bin

Im Weimarer Land zeitgenössischer Kunst und kunstsinnigen Menschen zu begegnen, ist wirklich keine Kunst. Meine Drehreise in der „Toskana des Ostens“ war ein Gesamtkunstwerk, bei der ich sogar selbst zum Motiv eines Malers geworden bin. Wertvoller als jedes Selfie. Wie das geschah, seht ihr im Video.

von Claudius Rajchl (Kommentare: 0)

Weimarer Land: Wie ich in der

Diese acht originellen Begegnungen haben meine Landpartie durch das Weimarer Land unvergesslich gemacht:

 

1. Lyonel Feiniger und die Kunst des Radfahrens

Wissen Sie, wer Lyonel Feininger war? - Ich gebe es zu: Vor meiner Reise durch das Weimarer Land hatte ich keine wirkliche Ahnung. Ein Fehler. Denn der gebürtige US-Amerikaner hat sich einst nicht nur in eine Frau im Weimarer Land verliebt, sondern auch in die Dörfer dort - und ihnen überaus moderne Denkmäler gesetzt. Feininger war hauptsächlich mit dem Fahrrad auf Motivsuche für seine Bilder unterwegs, und ich wandle auf dem Feininger Radweg etliche Jahrzehnte später auf seinen Spuren. Manche seiner Motive haben sich nicht wirklich verändert. Zum Beispiel die Kirche in Mellingen. Radwegweiser verraten Wissenswertes und zeigen Feiningers Kunst mit direktem Blick zum Original - so kann ich unmittelbar vergleichen, welche Elemente der Wirklichkeit in seinen stark abstrahierten  Werken dennoch klar zu erkennen sind. Bei der Kirche von Gelmeroda hilft die Technik ein bisschen nach: Bei Dunkelheit wird die Kirche in verschiedenen Farben angestrahlt - so dass sich die Wirklichkeit noch deutlicher an Feiningers Kunst annähert. Spannend.

Lyonel Feininger (1871-1956)

Am nächsten Tag radle ich über eine alte Brücke, die schon von zahlreichen Schülern der weltbekannten Bauhaus-Universität (vormals Weimarer Kunstschule) als Motiv verwendet wurde. Und tatsächlich begegne ich hier gleich zwei Künstlern, die sich am Brücken-Thema auf ganz unterschiedliche Weise abarbeiten. Der Maler und Musiker Michael Lenhardt ist mit seinem skurril aufgepimpten Fahrrad gekommen - mit Dach und Hut auf dem Dach. Er radelt wie einst Feininger durch das Weimarer Land - auf der Suche nach Motiven. Sein Kollege Peter Stechert, Maler und Dozent der Weimarer Mal- und Zeichenschule, spaziert mit Staffelei und Kreiden lieber zu Fuß zu seinen Motiven. "Feininger hat in der Landschaft nur Skizzen angefertigt und seine Bilder im Atelier vollendet", erklärt mir Peter Stechert. "Bei mir muss das Bild gleich in der Natur fertig werden." Sprach's und zeigt mir wenige Minuten später sein Werk:

Weil ich quasi im Weg stand, hat mich Herr Stechert kurzerhand in sein Bild integriert. Kannst Du mich sehen?

Infos:

https://www.weimarer-land-tourismus.de/de/aktiv/radfahren/feininger-radweg/

http://www.peter-stechert.de/

https://michael-lenhardt.com/

 

 

2. Architekt Eiermann – was ging ihn das Wohl der Fabriksarbeiter an? 

Eine ehemalige Feuerlöscher-Fabrik als heißes Touristen-Ziel? Das klingt auf den ersten Blick mehr als schräg. Ich staune ergo nicht schlecht, als mich Blogger-Kollegin Petra Hermann ("Obers trifft Sahne") zu einem augenscheinlich unscheinbaren Industriegebäude führt. Aber – das Innenleben hat es in sich, denn hier setzte ein berühmter Architekt und Designer namens Egon Eiermann ausgerechnet zu Beginn des 2. Weltkriegs bahnbrechende Errungenschaften für mehr Wohlbefinden der Arbeiterschaft um: Im obersten Stockwerk, das normalerweise für die Chefetage reserviert ist, ließ er den Arbeitern etliche Annehmlichkeiten zukommen. Welche das waren, seht ihr im Video. Der Industriebau wurde vom Internationalen Verein der Freunde des Eiermannbaus vor dem Verfall gerettet. Mittlerweile wird das Haus von der Internationalen Bauausstellung  als Bürogebäude und Ausstellungshaus genützte Haus bekomme ich einen hautnahen Eindruck davon.

Info:

http://www.iba-thueringen.de/projekte/apolda-eiermannbau

 

3. Schwimmende Hütten und ein tierisches Am-Vieh-Theater

"Schlafen an besonderen Orten" propagiert Weimarer Land Tourismus  - und an einem ganz besonderen Ort habe auch ich übernachtet: im Häuschen namens "Karpfen". Mein "Karpfen"-Gemach ist eines von sechs schwimmenden Hütten in einem Teich der Ölmühle Eberstedt, die alle die Namen von Fischarten tragen. Hier schlafe ich wie ein Bär, angenehm in den Schlaf geschaukelt wie auf einem Hausboot. Auch die Atmosphäre ist einem Hausboot-Urlaub sehr ähnlich. Zum WC, zu den Duschen und zum Frühstück geht's über den Steg "an Land".

Das Hotel und Erlebnisdorf hat noch andere Unterkünfte zu bieten - von richtigen Hotelzimmern bis zu putzig mit Stockbetten eingerichteten  Leiter- und Schäferwagen. Egal, wo Ihr schläft, speisen solltet ihr in jedem Fall im Restaurant der Mühle. Meine Forelle war köstlichst. Und dazu ein gutes Gläschen Weißwein aus der Region.

Die Mühle ist übrigens auch noch in Betrieb - hier wird Senföl gepresst, das man auch käuflich erwerben kann.

 

Info:

www.oelmuehle-eberstedt.de

 

4. Nach Apolda fährt die internationale Kunst auf Urlaub

Apolda ist ein entzückendes Städtchen. Großstädter wie ich würden nicht vermuten, dass sich hier eines der bedeutenden Museen für zeitgenössische Kunst in Thüringen befindet. Eine Landhausvilla im italienischen Stil wird hier als Kunsthaus Apolda genützt" - und hier macht quasi internationale Kunst "Urlaub": Für spannende Ausstellungen werden immer hochkarätige Kunstwerke aus den bedeutendsten Sammlungen der Welt als Leihgaben herangeschafft. Während meines Besuchs waren es Werke von Lyonel Feininger (zu sehen bis 15. Dezember 2019).

 

Info:

http://kunsthausapolda.de/

 

5. Die Villa des Herrn van de Velde als Brücke zwischen Handwerk und Kunst

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In Weimar zeigt mir Bloggerin Petra Hermann ein nicht weniger spannendes Haus: Die Villa "Hohe Pappeln", die sich das Multitalent Henry van de Velde maßgeschneidert hatte. Der belgische Architekt und Designer Henry van de Velde gründete  Anfang des 20. Jahrhundertes die Weimarer Kunstschule, die als Vorläufer des Bauhauses gilt, und er baute auch das heutige Gebäude der Weimarer Bauhaus Universität. Seine Villa in Weimar ist das einzige seiner Privathäuser, das heute als Museum öffentlich zugänglich ist. Im Video zeige ich, wie Herr van de Velde nichts dem Zufall überließ und so die Grenzen zwischen Handwerk, Design und Kunst bahnbrechend aufhob. Viele der von ihm entworfenen Möbel sind heute noch (oder wieder?) modern.

Info:

https://www.klassik-stiftung.de/haus-hohe-pappeln/

 

6. Herr Ernst macht Spaß mit beweglichem Eisen

Auch im Dorf Bechstedtstraß werde ich künstlerisch fündig. Im Atelier von Michael Ernst und Cosima Göpfert treffe ich das vielseitige Künstlerpaar, das ebenfalls die Grenzen zwischen Handwerk und ;Kunst verschwimmen lässt. Michael Ernst ist LKunstschmid und Kinetik-Künstler. Er hat sich auf bewegliche Kunstwerke aus Eisen spezialisiert, die er nicht nur plant, sondern auch konstruiert und in jedem Detail selbst anfertigt. Das "Mobile Eisen" des Herrn Ernst zu betrachten, macht richtig Spaß, und man kann es auch für den eigenen Garten erstehen.

Seine Frau Cosima Göpfert macht ganz andere Kunst: Die Keramikerin setzt mit ihren zerbrechlichen Kunstwerken starke Zeichen gegen Gewalt und Krieg. Zum Beispiel mit Fäusten aus weißem Keramik oder ein besonders beklemmendes Werk, das erst dann seine Wirkung entfaltet, wenn man es kaputt macht: Eine Keramik-Handgranate, die mit Lachgas gefüllt ist. Wirft man die Granate zu Boden, zerbricht sie und setzt das Lachgas frei. Die Folge ist ein unfreiwilliger Lachkrampf für die Menschen, die in der Nähe sind. Ein Lachen, das weh tut, dem aber jegliche fröhliche Ursache dafür fehlt. Ich habe die Granate nicht geworfen, aber schon beim Gedanken daran ist mir das Lachen im Halse stecken geblieben. Eine starke Ansage gegen den Krieg.

 Info:

https://www.mobiles-eisen.de

https://cosimagoepfert.de/

 

7. Gute Berad(t)ung: Hotel mit Schlauchautomat

Ich habe noch an einem anderen "besonderen Ort" geschlafen: Im "Basislager velo inn" direkt am Ilmtal-Radweg in Bad Berka. Basislager - das klingt spartanisch, ist es aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Das coole Hotel ist ein perfektes Quartier für Radurlauber, das alles bietet, was Pedalritter brauchen - vom "Schlauchautomaten" für den Notfall bis zur Radwerkstatt, Leihrädern vom Nostalgierad bis zum e-Bike, vom mobilen Pannen-Dienst bis zum Leihrad-Service im ganzen Weimarer Land und zu geführten Radtouren.

Man muss aber nicht Radfahren, um den Service des Hotels genießen zu können: Das Frühstück mit frischen regionalen Produkten ist sensationell, und die Zimmer sind überaus chic.

Info:

https://www.veloinn.de

8. Mein Knödel hat vier Ecken

Eckige Knödel habe ich auch noch nie zuvor gegessen, im Weimarer Land gibt es sie - als Reminiszenz für 1200 Jahre Bauhaus. Gleich vorweg: sie schmecken genauso köstlich wie die runden, haben aber den Vorteil, dass sie nicht wegrollen.

Den Gag hat sich die Kloßmanufaktur Heichelheim bei Weimar einfallen lassen, und die Fabrik von Thüringer Fertig-Klößen ist selbst für Knödel-Verweigerer einen Besuch wert. Denn hier gibt's ein herrlich nostalgisches Kloßmuseum und mehr als 50 Oldtimer zu bestaunen. Eine runde Sache mit den eckigen Klößen.

 

Info:

http://heichelheimer.de/

 

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